Die Konzentration auf die eigene Optimierung lässt uns das gesellschaftliche System vergessen
- Annette Schnaitter
- 1. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn Menschen sich mit sich selbst zu beschäftigen beginnen, stellen sie oft dieselben Fragen.
Warum reagiere ich so?
Warum kann ich keine Grenzen setzen?
Warum gerate ich immer wieder in dieselben Beziehungen?
Warum fühle ich mich nie gut genug?
Das sind wichtige Fragen.
Und jede Form von Auseinandersetzung mit sich selbst kann dabei helfen, Antworten zu finden.
Sie hilft uns, unsere Geschichte zu verstehen.
Unsere Kindheit.
Unsere Bindungserfahrungen.
Unsere Verletzungen.
All das ist wertvoll.
Aber irgendwann begann ich, mir eine andere Frage zu stellen.
Während wir immer mehr unsere Geschichte verstehen lernen, bleibt die Welt, die diese Geschichte mitgeprägt hat, oft unverändert.
Nicht alles beginnt in deiner Kindheit.
Manches beginnt in der Gesellschaft, in der man lebt.
Wenn zum Beispiel eine Frau lernt, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, fragen wir oft:
Woher kennst du das?
Wie war deine Beziehung zu deiner Mutter?
Was hast du als Kind erlebt?
Auch diese Fragen sind wichtig.
Aber manchmal fehlt noch eine weitere.
In welchem System bist du aufgewachsen?
Denn wir wachsen nicht im luftleeren Raum auf.
Wir wachsen in Familien auf.
Und Familien wachsen wiederum in einer Gesellschaft.
Die Werte, Ängste und Überlebensstrategien unserer Eltern entstehen nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen sie leben mussten.
Manche Muster sind deshalb persönlich.
Andere sind kulturell.
Und die meisten sind beides zugleich.
Jede Form von Therapie oder Selbsterfahrung arbeitet häufig mit dem Individuum.
Das macht sie nicht falsch.
Es beschreibt lediglich ihren Fokus.
Wenn du unter Geldsorgen leidest, untersucht man oft die Beziehung zu Geld.
Wenn du deinen Körper ablehnst, beschäftigt man sich mit dem Körperbild.
Wenn du Konflikten aus dem Weg gehst, schaut man auf die Bindungsgeschichte.
Das kann unglaublich hilfreich sein.
Doch manchmal verlieren wir dabei eine andere Ebene aus dem Blick.
Vielleicht liegt das Problem nicht ausschließlich in der Beziehung zu Geld.
Vielleicht leben wir auch in einem System, das Knappheit produziert.
Vielleicht geht es nicht nur um das Körperbild.
Vielleicht profitieren ganze Industrien davon, dass Menschen sich nie schön genug fühlen.
Vielleicht geht es nicht nur um deine Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen.
Vielleicht hast du gelernt, dass man für klare Grenzen einen Preis bezahlt.
Das eine schließt das andere nicht aus.
Symptome entstehen selten im Nichts.
Viele Menschen gehen in Kurse und Coachings oder auf Retreats und glauben, mit ihnen stimme etwas nicht.
Sie nennen sich zu sensibel.
Zu angepasst.
Zu ängstlich.
Ich sehe das oft anders.
Ich sehe Nervensysteme, die sich intelligent an ihre Umwelt angepasst haben.
Menschen entwickeln Strategien, um in ihrer jeweiligen Realität zu überleben.
Diese Strategien entstehen nicht zufällig.
Sie entstehen dort, wo sie einmal sinnvoll waren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht immer:
Was stimmt mit mir nicht?
Sondern manchmal:
Woran hat sich mein Nervensystem angepasst?
Heilung bedeutet nicht nur, Symptome zu beseitigen.
Sie bedeutet auch, ihren Sinn zu verstehen.
Wenn wir nur versuchen, ruhiger zu werden, übersehen wir vielleicht, warum unser Körper überhaupt Alarm schlägt.
Wenn wir ausschließlich lernen, unsere Trigger zu regulieren, fragen wir möglicherweise nie, was uns eigentlich immer wieder verletzt.
Beides gehört zusammen.
Ein reguliertes Nervensystem ist wichtig.
Aber genauso wichtig ist es, die Bedingungen zu erkennen, unter denen dieses Nervensystem entstanden ist.
Der Körper erzählt oft eine Geschichte, bevor wir sie in Worte fassen können.
Er zeigt, wo wir gelernt haben, unser Nein zu übergehen.
Wo wir uns kleiner machen.
Wo wir ständig angespannt sind.
Wo wir uns selbst verlassen, um dazuzugehören.
Diese Reaktionen sind selten Zufall.
Sie sind Erinnerungen.
Nicht im Kopf.
Sondern im Nervensystem.
Selbsterfahrung ist wichtig.
Sie kann Leben verändern.
Sie kann Orientierung geben.
Sie kann Wunden heilen.
Sie kann Ziele definieren und erreichen helfen.
Aber ich glaube auch, dass alles seine Grenzen hat. Auch diese Arbeit.
Sie kann dir helfen zu verstehen, warum du geworden bist, wie du heute bist.
Sie kann dir helfen, neue Erfahrungen zu machen.
Sie kann dein Nervensystem stabilisieren.
Was sie nicht allein verändern kann, sind die Bedingungen, unter denen Menschen weiterhin verletzt werden.
Deshalb brauchen wir beides.
Innere Arbeit.
Und Bewusstsein für die Systeme, in denen wir leben.
Persönliche Heilung.
Und gesellschaftliche Veränderung.
Denn Heilung bedeutet für mich nicht, dass wir lernen, uns an alles anzupassen.
Heilung bedeutet, wieder mit uns selbst in Kontakt zu kommen.
Und aus diesem Kontakt heraus entscheiden zu können, wofür wir stehen.
Nicht, weil wir keine Angst mehr haben.
Sondern weil wir uns selbst nicht länger verlassen müssen.



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