Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass wir Mädchen alles erreichen können.
- Annette Schnaitter
- 3. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Ich war ein Teenager in den Achtzigerjahren.
Ich gehörte zu einer Generation, der gesagt wurde:
Euch stehen alle Türen offen.
Ihr könnt studieren.
Karriere machen.
Euer eigenes Geld verdienen.
Unabhängig sein.
Und ich habe das geglaubt.
Ich dachte, Gleichberechtigung wäre eigentlich schon da.
Vielleicht nicht vollkommen.
Aber fast.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, dass wir etwas Entscheidendes übersehen hatten.
Nicht nur ich.
Viele Frauen meiner Generation.
Wir glaubten, frei zu sein.
Aber wir hatten kaum ein Bewusstsein dafür, was unser Verhalten tatsächlich steuerte.
Natürlich schminkten wir uns.
Natürlich wollten wir gut aussehen.
Wir orientierten uns an der Mode.
An Schönheitsidealen.
An dem, was als attraktiv galt.
Damals erschien uns das selbstverständlich.
Wir nannten es unseren eigenen Geschmack.
Und vielleicht war manches davon auch genau das.
Doch dann verliebten wir uns.
Und plötzlich veränderte sich etwas.
Wir wollten gefallen.
Wir interessierten uns für das, was er interessant fand.
Wir hörten seine Musik.
Wir schauten seine Filme.
Wir passten uns seinen Freunden an.
Wir wollten, dass er stolz auf uns war.
Wir wollten, dass die Beziehung funktionierte.
Wir bemühten uns.
In der Küche.
Im Bett.
Im Alltag.
In Gesprächen.
Überall.
Und niemand stellte diese Dynamik infrage.
Am allerwenigsten wir selbst.
Schließlich waren wir verliebt.
Wir nannten es Liebe.
Dabei war vieles davon Anpassung.
Nicht, weil wir schwache Frauen waren.
Sondern weil wir nie gelernt hatten, den Unterschied zu erkennen.
Wir glaubten, Freiheit bedeute, arbeiten zu dürfen.
Ein eigenes Konto zu haben.
Selbst Entscheidungen treffen zu können.
Doch wahre Freiheit beginnt viel früher.
Sie beginnt dort, wo ich überhaupt bemerke, warum ich etwas tue.
Für wen ich mich schön mache.
Für wen ich mich zurücknehme.
Für wen ich leiser werde.
Für wen ich Ja sage, obwohl ich Nein meine.
Für wen ich mich kleiner mache.
Und ob ich all das überhaupt bewusst entscheide.
Heute glaube ich, dass Gleichberechtigung nicht erst dort beginnt, wo Frauen dieselben Rechte haben wie Männer.
Sie beginnt dort, wo Frauen erkennen, wie tief sie gelernt haben, sich an den Blick anderer anzupassen.
Denn solange ich glaube, ich handle vollkommen frei, obwohl mein Verhalten unbewusst von dem Wunsch nach Anerkennung gesteuert wird, bin ich freier als frühere Generationen.
Aber noch nicht wirklich frei.
Vielleicht ist genau das die größte Veränderung der letzten Jahrzehnte.
Nicht, dass Frauen heute mehr dürfen.
Sondern dass wir langsam beginnen zu sehen, was wir vorher gar nicht sehen konnten.
Dass Freiheit nicht nur im Außen entsteht.
Sondern zuerst im Bewusstsein.
Vielleicht ist das der eigentliche Anfang von Gleichberechtigung.
Nicht die Möglichkeit, alles zu tun.
Sondern die Freiheit, überhaupt zu erkennen, warum wir es tun.
Und oft ist der wahre verborgene Grund: Sicherheit.
Denn schon sehr früh haben wir gelernt, dass wir uns sicher fühlen, wenn wir erst dafür sorgen, dass es allen anderen gut geht. Das es dem Partner gut geht.
Es kann natürlich ein Bedürfnis aus Liebe und Zuneigung sein.
Aber es ist oft auch ein Bedürfnis nach Sicherheit, sehr früh eingeprägt in unser Nervensystem.
Wenn es allen anderen recht ist, dann herrscht Frieden. Nicht weil alle Bedürfnisse ausgehandelt wurden. Berücksichtigt wurden und ein Kompromiss gefunden wurde.
Nein. Der Unterschied ist verschwommen. In einer Grauzone. Sehr leicht zu überhören und noch leichter weg zu argumentieren.
Es geht nicht darum zu dominieren, sich durchzusetzen und den Spieß umzudrehen. Es geht darum, diese ersten Erfahrungen, an die sich niemand erinnert, in das Bewusstsein zu rufen.
Und diese Brücke zwischen dem Glauben der Selbstbestimmung und den Verknüpfungen des Nervensystems mit Sicherheit garantierenden Verhaltensweisen zu schlagen.
Es geht nicht darum, sein Lieblingsessen nicht mehr zu kochen. Nicht darum, ihn seine Lieblingssendungen ansehen zu lassen. Nicht darum, die Fähigkeit, eine Familie so emotional zu begleiten, dass sich alle sicher und gesehen fühlen.
Es geht darum, wahrzunehmen, warum wir diese Dinge ganz selbstverständlich tun und uns dann gut fühlen.
Zumindest für einen Moment.
Die Achtziger Jahre waren ein Jahrzehnt der Sicherheit für uns. Der Krieg war gefühlt ein Jahrhundert lang her. Die Zukunft zum Greifen nahe. Alles schien möglich.
Wir glaubten das fest.
Bis zu diesen ersten Momenten, in denen wir in den Spiegel sahen und das Gesicht unserer Mütter sahen. Uns blauen Lidschatten und pinken Lippenstift auftrugen und den Gedanken damit verscheuchten.
Sie hatten uns doch gesagt, wir könnten alles werden.
Im Gegensatz zu ihnen.



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