Wir haben vergessen, was es bedeutet, Mensch zu sein.
- Annette Schnaitter
- 5. Aug.
- 2 Min. Lesezeit

Manchmal habe ich den Eindruck, wir versuchen, ein Leben zu führen, in dem wir möglichst keine Fehler mehr machen.
Wir wollen alles richtig machen.
Die richtige Partnerschaft führen.
Die richtigen Entscheidungen treffen.
Die richtigen Worte finden.
Wir wollen niemanden verletzen.
Niemanden enttäuschen.
Und am liebsten auch selbst nie scheitern.
Doch vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis.
Denn ein Mensch zu sein bedeutet nicht, fehlerfrei zu sein.
Es bedeutet auch nicht, immer die richtige Antwort zu haben.
Oder jede Situation perfekt zu lösen.
Ein Mensch zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen.
Für das, was wir tun.
Für das, was wir nicht tun.
Für die Folgen unserer Entscheidungen.
Nicht, weil wir perfekt sind.
Sondern weil wir fehlbar sind.
Vielleicht ist genau das unsere Würde.
Nicht die Abwesenheit von Fehlern.
Sondern die Fähigkeit, ihnen zu begegnen.
Ich glaube, wir haben Würde lange mit Makellosigkeit verwechselt.
Mit Kontrolle.
Mit Selbstoptimierung.
Mit dem Gefühl, alles im Griff haben zu müssen.
Doch Würde zeigt sich oft ganz woanders.
Sie zeigt sich darin, eine Entschuldigung auszusprechen.
Eine Grenze zu setzen.
Ein Versprechen einzuhalten.
Oder zu sagen:
„Ich habe mich geirrt.“
Das ist keine Schwäche.
Es ist Reife.
Auch Beziehungen funktionieren nicht deshalb, weil zwei Menschen alles richtig machen.
Sie funktionieren, weil beide bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Für Missverständnisse.
Für Verletzungen.
Für das, was zwischen ihnen entstanden ist.
Manchmal bedeutet Verantwortung auch, etwas zu Ende zu bringen.
Ein schwieriges Gespräch nicht länger aufzuschieben.
Eine Entscheidung zu treffen.
Eine Beziehung bewusst zu beenden.
Oder einen Fehler nicht zu verdrängen, sondern ihn anzusehen.
Wir leben in einer Zeit, in der Urteile oft mit Verurteilungen verwechselt werden.
Deshalb haben viele Menschen Angst, überhaupt noch eine Haltung einzunehmen.
Doch urteilen gehört zum Menschsein.
Jeden Tag entscheiden wir, was wir für richtig halten.
Wem wir vertrauen.
Wofür wir unsere Zeit einsetzen.
Wo wir Nein sagen.
Die Frage ist nicht, ob wir urteilen.
Die Frage ist, ob wir bereit sind, unsere Urteile immer wieder zu überprüfen.
Auch darin zeigt sich Würde.
Nicht darin, unfehlbar zu sein.
Sondern offen zu bleiben.
Für neue Erfahrungen.
Für andere Perspektiven.
Und manchmal auch für die Erkenntnis, dass wir uns geirrt haben.
Ich glaube nicht, dass wir ein erfülltes Leben führen, indem wir versuchen, keine Fehler mehr zu machen.
Ich glaube, wir führen ein erfülltes Leben, wenn wir lernen, mit unserer Unvollkommenheit zu leben.
Wenn wir Verantwortung übernehmen, statt Schuld zu vermeiden.
Wenn wir Beziehungen eingehen, obwohl sie uns verletzlich machen.
Wenn wir Dinge zu Ende bringen, auch wenn sie unbequem sind.
Wenn wir urteilen, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren.
Und wenn wir uns selbst dieselbe Würde zugestehen, die wir auch anderen wünschen.
Vielleicht bedeutet Menschsein genau das.
Nicht perfekt zu sein.
Sondern den Mut zu haben, unvollkommen zu leben.



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