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Der Atem Deiner Mutter



Ich war sehr klein, als ich zum ersten Mal erlebte, dass meine Mutter verschwand.

Nicht körperlich.

Das wäre für mich als Kind wahrscheinlich leichter zu verstehen gewesen.

Sie war da.

Und gleichzeitig war sie nicht mehr erreichbar.

Ich erinnere mich daran, wie ich sie in der Küche auf dem Stuhl sitzen sah.

Sie sah ins Nichts.

Still.

Sie weinte, ohne eine Träne zu vergießen.

Damals hatte ich keine Sprache für das, was ich beobachtete.

Ich wusste nichts über Traumata.

Nichts über das Nervensystem.

Nichts darüber, was passiert, wenn ein Mensch so überwältigt ist, dass sein Körper nur noch versucht zu überleben.

Ich wusste nur eines:

Der Mensch, den ich am meisten brauchte, war manchmal direkt vor mir – und trotzdem nicht wirklich da.

Heute verstehe ich diese Situation anders.

Ich weiß, was wahrscheinlich im Nervensystem meiner Mutter passiert ist.

Und ich weiß, was gleichzeitig in meinem eigenen Nervensystem geschah.

Vor allem weiß ich heute, dass meine Geschichte keine Ausnahme ist.

Ich begegne ihr immer wieder.

In unterschiedlichen Familien.

Mit unterschiedlichen Biografien.

Aber oft mit derselben Dynamik.


Auch wenn das, worüber ich hier schreibe, grundsätzlich für alle Eltern-Kind-Beziehungen gilt, möchte ich in diesem Text bewusst über Mütter und Töchter sprechen.

Denn gerade über die mütterliche Linie werden nicht nur Erfahrungen weitergegeben.

Sondern häufig auch die Art, wie ein Nervensystem mit Belastung umgeht.

Wenn ich damals meine Mutter so zusammengesunken sah, begann mein Körper, nach einer Lösung zu suchen.

Nicht bewusst.

Kinder tun das nicht.

Aber ihr Nervensystem tut es.

Heute glaube ich, dass mein Körper etwas Unmögliches versucht hat.

Er versuchte, nicht nur mich zu regulieren.

Sondern auch sie.

Als müsste mein kleines Nervensystem genug Lebendigkeit für uns beide aufbringen.

Damals konnte ich das nicht verstehen.

Heute frage ich mich, wie viele Kinder genau das tun.

Wie viele Kinder nicht nur die Verletzungen ihrer Eltern übernehmen.

Sondern auch deren Versuch, mit diesen Verletzungen irgendwie weiterzuleben.

Viele Jahre später machte ich selbst eine Erfahrung, die mein Verständnis dafür grundlegend verändert hat.

Ich war erwachsen und saß in einer somatischen Therapiesitzung.

Meine Therapeutin bat mich, einfach meinen Atem zu beobachten.

Nichts zu verändern.

Nur wahrzunehmen.

Doch je länger ich meinen Atem beobachtete, desto unruhiger wurde mein Körper.

Mein Zwerchfell begann zu zittern.

Meine Brust wurde eng.

Ich spürte Angst.

Keine Erinnerung.

Keine Bilder.

Nur Angst.

Dann stellte meine Therapeutin eine scheinbar einfache Frage:

„Was passiert, wenn du deinen Atem jetzt einfach seinen eigenen Rhythmus finden lässt?“

Was in diesem Moment in mir auftauchte, überraschte mich.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir etwas passieren würde.

Ich hatte das Gefühl, meiner Mutter würde etwas passieren.

Als würde sie zusammenbrechen, wenn ich aufhöre, für sie zu atmen.

Es war, als hätte mein Körper über Jahrzehnte dieselbe Aufgabe erfüllt.

Nicht bewusst.

Sondern vollkommen selbstverständlich.

Ich hatte geatmet.

Ich hatte Energie erzeugt.

Ich hatte ständig innere Spannung aufgebaut.

Nicht nur für mich.

Sondern auch für sie.

Heute weiß ich, dass das irrational klingt.

Damals fühlte es sich vollkommen logisch an.

Und genau das fasziniert mich bis heute am Nervensystem.

Es interessiert sich nicht dafür, ob etwas rational ist.

Es interessiert sich nur dafür, was einmal notwendig war.

Kinder übernehmen oft Aufgaben, die niemand sieht.

Wenn wir über Parentifizierung sprechen, denken viele an Kinder, die früh Verantwortung übernehmen.

Die ihre Geschwister versorgen.

Den Haushalt organisieren.

Oder sich um einen kranken Elternteil kümmern.

Doch manchmal geschieht Parentifizierung auf einer viel tieferen Ebene.

Nicht im Verhalten.

Sondern im Nervensystem.

Ein Kind versucht dann nicht nur, den Alltag aufrechtzuerhalten.

Es versucht, den emotionalen Zustand seiner Bezugsperson auszugleichen.

Es wird besonders aufmerksam.

Besonders wach.

Besonders lebendig.

Als würde sein Körper ständig prüfen:

Geht es Mama heute besser?

Braucht sie mich?

Muss ich noch mehr tun?

Von außen wirkt dieses Kind vielleicht einfach besonders sensibel.

Oder außergewöhnlich verantwortungsbewusst.

Im Inneren trägt es jedoch eine Aufgabe, die kein Kind tragen sollte.

Deshalb fühlen sich manche Muster so alt an.

Viele meiner Klientinnen beschreiben eine tiefe Erschöpfung.

Eine dauerhafte Anspannung.

Das Gefühl, ständig für andere verantwortlich zu sein.

Sie glauben oft, das sei einfach ihre Persönlichkeit.

Ich frage mich dann etwas anderes.

Für wen arbeitet dieses Nervensystem eigentlich noch?

Diese Frage berührt viele Menschen tief.

Denn manchmal versucht ein Teil ihres Körpers noch immer, jemanden zu stabilisieren.

Vielleicht erfüllt er bis heute eine Aufgabe, die längst vorbei ist.

Nicht, weil der Körper nicht loslassen möchte.

Sondern weil er nie erfahren hat, dass er es darf.

Vielleicht ist die Angst deshalb nicht dort entstanden, wo wir sie immer vermutet haben.

Vielleicht war sie die logische Antwort eines kindlichen Nervensystems, das über Jahre versucht hat, etwas zu regulieren, das niemals seine Aufgabe war.

Trauma wird nicht nur weitergegeben.

Auch unvollendete Heilungsversuche können weitergegeben werden.

Das ist einer der Gedanken, der mich in meiner Arbeit am meisten bewegt.

Kinder übernehmen nicht nur die Verletzungen ihrer Eltern.

Sie übernehmen manchmal auch deren Anpassungs-Anstrengungen.

Den Versuch, Sicherheit herzustellen.

Den Versuch, Verbindung aufrechtzuerhalten.

Den Versuch, weiter zu funktionieren.

Ihr Körper führt fort, was der Körper ihrer Mutter nie zu Ende bringen konnte.

Mich interessiert heute:

Welche Bewegung wurde unterbrochen?

Welche Reaktion konnte nie abgeschlossen werden?

Welche Aufgabe erfüllt dieses Nervensystem bis heute – obwohl sie längst nicht mehr notwendig ist?

Denn genau dort beginnt für mich Heilung.

Nicht, indem wir gegen den Körper arbeiten.

Sondern indem wir verstehen, was er all die Jahre für uns getan hat.

Unser Nervensystem ist nicht unser Gegner.

Es hat versucht, uns zu schützen.

Es hat versucht, Verbindung zu erhalten.

Es hat versucht, das Unmögliche möglich zu machen.

Erst wenn wir dies erkennen, kann etwas Neues entstehen.

Dann muss unser Körper nicht länger für zwei Menschen tragen.

Nicht länger für zwei Menschen atmen.


 

 
 
 

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